Unsicherheit und Metamorphose


  1. Handlungsräume und Glaubenssätze
  2. Kosmopolitisierte Handlungsräume
    1. Klimakrise
    2. Digitaler Kontrollverlust
  3. Die Spaltung des Mittelstands und die „globale Klasse“
  4. Literatur

Die Welt ist aus den Fugen geraten. Die Wahrheit dieses Satzes setzt eine fundamentale Spaltung voraus: in eine Erwartungshaltung der Welt gegenüber und einer dieser Erwartungshaltung zuwiderlaufenden Realität. Von der Unsicherheit als “Megatrend” zu schreiben setzt damit voraus, dass die von uns beobachtete Realität nicht (mehr) unserer Erwartungshaltung der Welt gegenüber entspricht. Es wird im Folgen deshalb weniger darum gehen, die tektonischen Verschiebungen der Veränderungen selbst zu beschreiben, sondern vielmehr die gesellschaftliche Bezugnahme auf dieses Phänomen als einen Meta-trend zu analysieren.

Bezugnehmen auf Ulrich Beck muss zwischen Handlungsräumen einerseits und Glaubenssätzen andererseits unterschieden werden (Beck, 2017, S. 21). Denn während die Handlungsräume, in denen wir uns bewegen, unwiederbringlich kosmopolitisiert worden sind, bleiben unsere Glaubenssätze vielfach einem methodologischen Nationalismus des 19. und 20. Jahrhunderts verhaftet, für den die Nation der Fixstern und die Grundlage des Denkens ist. Uns fehlen im wahrsten Sinne des Wortes die Begriffe. Im Folgenden wird zunächst die Unterscheidung Handlungsräume und Glaubenssätze verdeutlicht und zweitens das Konzept der Kosmopolitisierung – nicht zu verwechseln mit der normativen Theorie des Kosmopolitismus – eingeführt. Dies geschieht exemplarisch anhand zweier Megatrends: erstens der Klimakrise und zweitens dem digitalen Kontrollverlust. Im letzten Schritt wird dann der Erklärungsgehalt des Konzepts der „Metamorphose der Welt“ als Meta-trend für das Phänomen der gesellschaftlichen Verunsicherung geklärt. Die Verunsicherung ist die Folge des Auseinanderfallens, der strukturellen Nichtpassung von Glaubenssätzen und Handlungsräumen.

Handlungsräume und Glaubenssätze

Während Glaubenssätze das jeweilige Überzeugungssystem von Individuen bezeichnen, geben Handlungsräume von außen die Strukturen gelingender Interaktion vor. Unsere Handlungsräume sind nun erstens kosmopolitisiert worden, während sie aber zweitens nicht deckungsgleich mit den Überzeugungen der Akteure sein müssen. Trotzdem kann sich niemand den Anforderungen der Handlungsräume entziehen: „Wir agieren niemals mehr nur in einem nationalen, integrierten Umfeld, sondern stets in einem globalen und desintegrierten Rahmen, der unterschiedlichste nationale Reglungen auf den Gebieten Justiz, Politik, Bürgerrechte, Dienstleistungen, etc. umfasst“ (Beck, 2016, S. 23).

Gerade diese Aufspaltung zwischen Handlungsraum und Glaubenssätzen bei gleichzeitigem Zwang, sein Verhalten den Strukturen kosmopolitisierter Handlungsräume anzupassen, ist Auslöser der Verunsicherung der Gesellschaft. Die politische Spaltung in „Kosmopoliten“ und „Kommunitaristen“, die quer zur klassischen politischen Orientierung zwischen links und rechts läuft, ist das vielleicht deutlichste Symptom. Wobei die Zuschreibung „Kosmopoliten“ wie „Kommunitaristen“ sich erneut nur auf die Glaubenssätze bezieht und damit auf die Bezugnahme zur strukturellen Veränderung des Handlungsraumes. Beide Seiten agieren kosmopolitisch und müssen es. Dabei beschränken sich kosmopolitisierte Handlungsräume keineswegs auf formalisierte und offiziell anerkannte Räume politischen Handelns. Vielmehr öffnen sie Möglichkeiten jenseits der institutionalisierten, nationalen Räume, sei dies in Form von Migration, Leihmutterschaft oder Steuermodellen. Zunächst soll aber der tiefgreifende Strukturwandel der Handlungsräume hin zur Kosmopolitisierung, getrieben durch verschiedene Megatrends, anhand zweier Beispiele, der Klimakrise und dem digitalen Kontrollverlust, skizziert werden.

Kosmopolitisierte Handlungsräume

Klimakrise

Die durch menschliches Handeln erzeugte Veränderungen des Weltklimas werden seit dem Ende des 19. Jahrhunderts diskutiert (Otto, 2009) und sind als Problem- und Arbeitsfeld der internationalen Politik spätestens mit der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen von 1992 verankert. Dabei stellt die Klimakrise eine besondere Herausforderung dar, kann sie doch als Paradebeispiel eines kollektiven Handlungsproblems gelten: Während einzelne Akteure mit der Förderung und dem Verkauf von fossilen Brennstoffen etc. enorme Gewinne erzielen können, sind die resultierenden Kosten diffus über die Welt verteilt und werden primär von anderen – verschärfend noch in die Zukunft verschoben – getragen. Die Struktur der Atmosphäre als „globales Common“ erschwert dazu unilaterales Handeln, solange das Trittbrettfahrerproblem nicht gelöst ist. (Heath, 2016)

Wenn das erklärte Ziel der Weltgemeinschaft ist, die globale Erwärmung auf „deutlich unter 2 Grad Celsius“ (Bundesregierung, 2016) zu begrenzen, folgt daraus notwendiger Weise, dass die Weltgemeinschaft ihre aggregierten Emissionen bis 2050 um mindestens 50 Prozent senken muss. Nimmt man die Industrienationen, die historisch gesehen für einen Großteil der CO2-Emissionen verantwortlich sind und über den größten Wohlstand verfügen, besonders in die Verantwortung, worauf Schwellen- wie Entwicklungsländer bestehen, dann müssen diese Länder ihre Emissionen bis 2050 um 90 Prozent senken. (Otto, 2009)

Die Klimakrise verdeutlicht, wie stark der Handlungsraum sowohl im Sinne von koordinierten Gegenmaßnahmen als auch im Sinne der von den Kosten Betroffenen kosmopolitisiert ist, während die Glaubenssätze und Institutionengefüge einem methodologischen Nationalismus, der auf dem Konzept souveräner, das heißt abgrenzbarer, Nationalstaaten aufbaut. Zeitgleich verschieben die realen Konsequenzen der Klimakrise die politische Gestaltungsmacht. Neue, aber noch versteckte Akteure der Weltpolitik sind bereits heute Metropolen und Städte, in denen seit 2008 über die Hälfte der Weltbevölkerung lebt (Ritchi, Roser, 2019). „Meine These ist, dass die städtische Politik, angetrieben von der Sorge um globale Klimakrisen, eine umfassende Metamorphose durchläuft und sich derzeit vor allen in neuen urbanen Allianzen transnationaler Normerzeugung, neuen strategischen Investitionen im Bereich Umweltschutz und neuen Reformbündnissen für die Ökologisierung des globalen urbanisierten Kapitalismus manifestiert.“ (Beck, 2016, S. 233)

Digitaler Kontrollverlust

Der „digitale Kontrollverlust“ beschreibt parallel zum Phänomen der Klimakrise die Metamorphose der Handlungsräume. Die Folge ist, dass eingespielte Handlungsstrategien entwertet werde und institutionelle Gefüge ins Leere laufen, da Plattformen sich nicht in die Logik der Nationalstaaten integrieren lassen. Treiber des Kontrollverlustes sind nach Michael Seemann (2014, S. 20):

  1. Die immer engere Verknüpfung der digitalen und analogen Welt, ermöglicht durch immer mehr und immer intelligentere Sensorik.
  2. Die immer billigere Speicherung und schnellere Kopierbarkeit von Daten, die durch beständig wachsende Kapazitäten von Leitungen und Datenträgern möglich ist.
  3. Die sich ständig verbessernden und mit mehr Rechenkraft ausgestatteten Analysemethoden, die immer neue Einblicke in bereits existierende Datenbestände erlauben.

Die technischen Treiber – Datenerhebung, -speicherung und –auswertung – werden durch die Macht von Netzwerkeffekten komplementiert, die Plattformen zu Monopolstellungen verhelfen. Netzwerkeffekte verstärken Monopolbildungen, da der Nutzen einer Plattform für die Konsument:innen mit steigenden Nutzer:innenzahlen steigt. Plattformen selbst bilden dabei die Infrastruktur, über die die Kooperation oder Interaktion verschiedener Akteure ermöglicht wird. (Shapiro, Varian, 1998, S. 13)

Diese Plattformen bilden die Strukturen der digitalen Handlungsräume, die zwar immer noch physisch verortet sind, sich aber den Institutionen des methodologischen Nationalismus und territorialer Rechtsdurchsetzung zu entziehen suchen. „Die Staatsgrenzen werden entweder in einem Prozess zunehmender transnationaler Einigungen immer weiter verblassen […], oder sie werden ihren Regulierungsanspruch gegenüber globalen Plattform-Playern aufgeben müssen“ (Seemann, 2014, S. 141f). Ganz im Sinne der Beck’schen Metamorphose entstehen zwar die wesentlichen Bausteine der Plattformen im Rahmen und finanziert durch nationale Institutionen (Mazzucato, 2015), entwickeln dann aber als Nebenfolgen über diesen Rahmen hinausgehende Wirkungsmacht, die gerade an den Grenzen zwischen den nationalen Institutionen zum Tragen kommt. So verklagt die Europäische Union das Mitgliedsland Irland, Steuern von Apple einzutreiben, während Irland aus Wettbewerbsgründen auf diese Steuern verzichten wollte.

Andersherum kann die Datenschutzgrundverordnung der Europäischen Union zwar wegen der Relevanz des europäischen Wirtschaftsraumes noch durchgesetzt werden, verstärkt aber als Nebenfolge gleichzeitig die Macht der großen Plattformen (Seemann, 2014, S. 144). Nicht nur werden Markteintrittshürden größer, auch wird die Durchsetzung von Rechtsansprüchen selbst an Plattformen delegiert. „Jeder staatliche Regulierungsanspruch, der an Plattformen herangetragen wird, wird dort letzten Endes in zentralistischer Kontrolle umgesetzt und stärkt so die politische Machtstellung der Plattformbetreiber.“ (Seemann, 2014, S. 146)

Die Spaltung des Mittelstands und die „globale Klasse“

Der Handlungsraum, in dem wir uns bewegen, ist unwiederbringlich kosmopolitisiert als Nebenfolge der Megatrends, wie am Beispiel der Klimakrise und des digitalen Kontrollverlusts gezeigt wurde. Auch regional verortete Menschen bewegen sich gleichzeitig immer auch in einem kosmopolitisierten Feld. Selbst politischen Kräfte, die sich den Rückbezug auf „die Nation“ oder „die Heimat“ auf die Fahne schreiben, können dies erfolgreich nur international tun. „Wer Europas Rechte verstehen will, muss länderübergreifend recherchieren“ schreibt die tageszeitung über ihren Rechercheschwerpunkt „Europe’s Far Right“, ein Projekt für das sich Zeitungen aus verschiedenen europäischen Ländern zusammengetan haben.

Wenn aber der Handlungsraum einerseits kosmopolitisiert ist, die Glaubenssätze und Institutionengefüge andererseits aber einem methodologischen Nationalismus verpflichtet bleiben, dann entstehen Unsicherheit, Unverständnis und Ohnmacht.

Gerade die nationalen Mittelschichten Europas sind von diesem Phänomen betroffen. Sie haben im Zeitraum von 1988 bis 2011 von deutlich niedrigeren reale Einkommenszuwächse profitiert als die Oberschicht in ihren Ländern einerseits und eine sich neu ausbildende globale Median-Klasse andererseits und damit relativ verloren. (Milanovic, 2016) Quer dazu verläuft die Bezugnahme dieser Mittelschicht auf den kosmopolitisierten Handlungsraum. Ökonomisch zunächst durchaus Teil der Mittelschicht ist eine „globale Klasse“ (Dahrendorf, 2000) entstanden, die die normgebende Macht innehat. „Herrschende Klassen brauchen nicht alles direkt oder indirekt zu kontrollieren, aber sie geben den Ton an. Ihre Werte werden herrschende Werte. Ihre Neigungen bestimmten die Träume vieler.“ (Dahrendorf, 2000) Sie setzten im Informationszeitalter, verstärkt durch die Netzwerkmacht, die politischen, moralischen und ökonomischen Standards. Die Gegenbewegung dazu läuft in die Betonung des Nationalen und Eigenen, dem Hervorheben des methodologischen Nationalismus. Doch dieser muss im Angesicht des kosmopolitisierten Handlungsraumes scheitern. Die Ängste einer verunsicherten Mittelschicht (Kohlrausch, 2018) sind auch das Resultat des Wahrnehmens, aber nicht wahrhaben Wollens und nicht in Begriffe fassen Könnens des kosmopolitisierten Handlungsraumes.

Literatur